Impressionen zum Filmblock HOME:

Sie packen ihren Koffer und nehmen mit …

Kleider, auf die man gut projizieren kann – GRENZEN …? (R: Liza Darab, BRG Landwiedstraße. Klasse 7A, AUT 2017)

Ihr Leben – A STORY OF EMIGRATION (R: Stephanie Koussa, LBN 2016)

Einen Kohlestift – „” (R: Markus Lerchbaum, AUT 2017)

Die Kindheit – BETWEEN LANDS (R: Lore Rinsoz, CHE 2017)

Ein Kalb –  Ananta Yatra (R: Sunil Pandey, NPL 2017) 

YOUKIs Kurzfilmblock HOME beschäftigt sich mit Migration, Grenzen und Isolation. Die hinteren Reihen im Kinosaal 1 sind fast ausschließlich von Schüler/innen besetzt. Gut so. Viele der Kinder, die in den Filmen vorkommen, müssen bereits im Kindergartenalter der Realität des Krieges ins Gesicht sehen, also sind die Jugendlichen im Saal nicht „zu jung“, um sich mit den schweren Thematiken auf der Leinwand auseinanderzusetzen. Ohne Krieg aufzuwachsen ist ein beinahe ausschließlich westliches Privileg, und damit kommt die Verantwortung, nicht die Augen vor aktueller, globaler Realität zu verschließen.

Den zwei Parabeln „“ und Ananta Yatra hätte mehr Kontextualisierung geholfen, weswegen die Abwesenheit der Filmemacher umso deutlicher aufgefallen ist. Ob die Geschichten tatsächlich erfolgreich ihre Nachrichten an das Publikum transportieren haben können? Einer der Filme hat zumindest großen Anklang bei der Jury gefunden; für mich persönlich eines der cinematografischen YOUKI-Highlights.

Vielleicht umso überraschender, dass GRENZEN…?, der mit Abstand abstrakteste Beitrag, gleichzeitig auch so geradlinig und konzeptuell klar ist, dass ein Input der Filmemacher/innen nicht gefehlt hat. Zum Glück ist nach dem treffenden Schlussstatement der letzten Körperprojektion noch schnell Zeit gewesen, während des Abspanns eine Träne wegzudrücken.

Die Regisseur/innen von A Story of Emigration und Between Lands sind zu unserem Glück zugegen und beantworten schüchterne Fragen eines Publikums, das sich nicht recht traut, tiefer auf die Flüchtlingsthematik der beiden Kurzfilme einzugehen. Die beiden Fragerunden bleiben oberflächlich. Trotzdem bekommen wir guten Aufschluss über den Verbleib der Menschen, die porträtiert werden. Nachdem man die Tragödien, das Leiden von ganzen Nationen und Generationen in einer so kondensierten Form auf sich einwirken hat lassen, erscheinen die Fragen, die man gerade noch stellen wollte, zu trivial. Schließlich geht es hier um komplett traumatisierte Menschen, die ihre Familien an die harte und unvorhersehbare Emigrationsreise verloren haben. Oder um solche, die bereit sind, ihrem Dasein freiwillig einen Schluss zu setzen, um nicht mehr in der allwährenden Depression ihres Lebens existieren zu müssen. Oder auch um Kleinkinder, die aus dem Stehgreif zur eigenen Unterhaltung die Protestslogans in eine verlassene Gegend kreischen, in einem Land, in dem außer Ihresgleichen sie nur wenige verstehen können.

Umso deprimierender dann ein Moment, in dem eine kurze, flüchtige, abwertende Bemerkung von einer der so marginalisierten Personen kommt, die aber ernüchternd daran erinnert, dass Hass auf Roma und die damit verbundenen Stereotype global geltend sind.

Schade war auch, dass die Schüler/innen und Lehrer/innen bei der Fragerunde schon verschwunden gewesen sind. Der Reaktionen einiger von ihnen nach zu urteilen wäre ein Austausch zwischen Filmemacher/innen und gelangweilten welser Teenagern der Empathie der nächsten Generationen zugutegekommen.

von Katarina Nahtman

Die Soundtrack-Empfehlung der Redaktion für den nächsten Road Trip

Beirut – Nantes

Nancy Sinatra – These Boots Are Made for Walkin‘

Kraftwerk – Autobahn

Desireless – Voyage Voyage

Tocotronic – Nach Bahrenfeld im Bus

Ray Charles – Hit the Road Jack!

Reinhard Mey – Über den Wolken

Canned Heat – On the Road Again

Queen – Bicyle Race

Willie Nelson – On the Road Again

The Doors – Roadhouse Blues

Arcade Fire – Keep the Car Running

The Proclaimers – I’m Gonna Be (500 Miles)

The Byrds – I Wasn’t Born To Follow

John Denver – Take Me Home, Country Roads

Allman Brothers – Midnight Rider

Kraftwerk – Trans Europe Express

Foo Fighters – Long Road To Ruin

War – Low Rider

Tocotronic – Unter der Schnellstraße

AC/DC – Highway to Hell

Talking Heads – Road To Nowhere

America – A Horse With No Name

Syd – On the Road

Boy – Railway

Longus Mongus (BHZ) – Unterwegs

Edward Sharpe & The Magnetic Zeros – Home

Kyuss – Catamaran

S.T.S – Fürstenfeld

YOUKI-Reisetagebuch

Fort fährt man, um heimzukommen

Freitag, 25. November 2017 

Den Großteil meines Tages habe ich im Kino verbracht, nachdem ich versucht habe, die Leute dazu zu überreden, Wisperl zu kosten. Ein Obst, das zwar nicht so lecker ausschaut, aber gar nicht schlecht schmeckt.

Mein absoluter Lieblingsblock – WHERE THE WILD THINGS ARE. Ein eindeutiger Touch von Fantasy und Nicht-Realem.

Beim ersten Film Martien (CHE 2016) kann ich beinahe nicht aufhören zu lachen, obwohl der Einstieg eher ernst ist: In einer Tankstelle in Frankreich lässt einen das wunderbare Spiel aus Stille, übersteigerter Lautstärke, leiser Musik und Plätschern von Wasser eintauchen in die Welt von Martien, von dem nach einem Blick auf seine Hörgeräte klar ist: er ist taub. Gerade ist er gefeuert worden, sein Kollege will ihm helfen, doch wir bekommen gar keine Zeit, uns um Martien zu sorgen, auch wenn sich seit Anfang des Films das tiefe Bedürfnis in mir regt, aufzuspringen und ihm zu helfen, denn auf einmal überfallen zwei maskierte Personen die Tankstelle, während Martien die Batterien seiner Hörgeräte wechselt und davon nichts mitbekommt. Spätestens als Martien einen der Maskierten bittet, seine Haube hochzuziehen und deutlich zu artikulieren, wird klar, das geht schief. Als dann auch noch ein Mann, dem beide Beine fehlen, dazu kommt und die Szene von Polizeigeheul untermalt wird, ist das Chaos perfekt.

Genauso lustig geht es in Back den Kuchen (DEU 2016) weiter, als der Sohn den Auftrag von der Mutter erhält, für den amerikanischen Onkel einen Kuchen zu backen. Zwar ist von Anfang an das Scheitern dieses Unterfangens klar, doch erst am Ende des Films werden die wahren Ausmaße bekannt. Im Kuchen landen zwar auch theoretisch richtige Zutaten wie Mehl, Milch und Eier, allerdings die Eier mit Schale, statt Zucker kommt Salz dazu, die Geschirrspülertabs hält er für Backpulver und dann noch ein bisschen Rum. Gaaaaanz vorsichtig noch etwas drauf leeren. Nein, das war sicher zu wenig, besser die halbe Flasche. Am Ende landen der Junge und seine Familie betrunken und rülpsend am/unterm Küchentisch.

Nach Kleine Welten (AUT 2016) ist mir jedoch nicht zum Lachen. Der Vater sieht durch das Astloch in einem Stück Holz zwei Jugendliche spielen, die allerdings gar nicht da sind. Der Sohn versucht, ihn davon zu überzeugen, dass er endlich mit dem Holz Ruhe geben soll, obwohl er das junge Mädchen – ich nehme an die Schwester – selber auch sieht, bis er schließlich in der Nacht das Stück in den Ofen wirft. Nun bleibt dem Vater keine Möglichkeit, die Jugendlichen zu sehen, wütend wirft er das Stück zu Boden, doch plötzlich landet ein Ball vor seinen Füßen. Der Film lässt mich mit der Frage zurück, was real ist und was nur in unserem Kopf passiert.

Am Abend komme ich nach einem Mittagsschlaf gut ausgeruht wieder zurück, gerade rechtzeitig für das Programm ANGRY YOUNG WOMEN ON THE ROAD, in dem Agnès Vardas SANS TOIT NI LOI (FRAU 1985) als analoge 35mm-Kopie gezeigt wird. Der Film beginnt mit dem Tot von Mona, der Protagonistin. Im Folgenden werden die letzten Wochen ihres Lebens erzählt, wobei merkbar nicht die Suche nach dem Grund für ihren Tot im Vordergrund steht, sondern die Frage, welche Spuren ein Mensch, den niemand vermisst, nach seinem Tot hinterlässt. Die Stimmung des Films ist einzigartig, das liegt sicherlich auch daran, dass klar erkennbar ist, dass dieser Film nicht digital ist. Alle 20 Minuten wird die Leinwand für einige Sekunden schwarz, weil die Filmrollen miteinander verbunden wurden und diese `Klebestellen` auch durchlaufen müssen. Film-feeling der besonderen Art.

von Lenni Brunnbauer

Horror auf den zweiten Blick

Ein Horrorkurzfilm schafft es dieses Jahr, den Zeitgeist erschreckend gut zu treffen. In den NIGHTMARES-Block, der thematisch Schauergeschichten verschiedenster Art am Mittwoch präsentiert hat, schafft er es aber nicht. Stattdessen ist er Teil des krönenden, 5-teiligen Abschlusses der Wettbewerbsblöcke der YOUKI 2017: DROP IT LIKE IT’S HOT.

TASTE OF LOVE (Paul Scheufler, AUT 2017), La Última Virgin (Bàrbara Farré, ESP 2017), Gone Went Gone Fuck Shit Fuck (Lisa Zielke, AUT 2017), Fucking Lejemordere i telefonbogen (August Aabo, DNK 2017), und Gib der Katze Milch (Max Gleschinski, DEU 2017) bilden das Schlussquintett, welches unter dem Banner „Coming of Age“ Sex, Sexualität und Selbsterforschung thematisiert.

Während TASTE OF LOVE (der wohl ästhetisch ansprechendste und allegorisch spannendste Beitrag dieses Blocks) und Gone Went Gone Fuck Shit Fuck als zwei der raren Einreichungen mit LGBT+ Interesse leger die Regenbogenflagge wehen lassen, konzentriert sich La Última Virgin auf das Konzept der Jungfräulichkeit und die Komplexität des sexuellen Konsenses.

Bleiben noch zwei Kandidaten übrig, und einer von ihnen ist der Horrorfilm. Der andere sieht nur aus wie einer. Gib der Katze Milch lässt mit seinem eleganten Umgang mit Schatten das Herz in Schwarz-Weiß höherschlagen, weil er visuell einfach an Horrorklassiker erinnert, an einen Noir, oder modernen Kulthorror wie Nadja (1994) und A Girl Walks Home Alone At Night (2014). Das Blut in den Adern gefrieren zu lassen schafft er aber nicht, will er vielleicht auch gar nicht. Bei der letzten Szene haben sich viele im Publikum aber hörbar geekelt, am lautesten die Herren.

Da war es nur noch Fucking Lejemordere i telefonbogen (eng.: Fucking killas on speed dial). Ich kann mir denken, wieso dieser Short in genau diesem Block gelandet ist. Objektiv macht das Sinn, es geht um Sex und das Teenagerdasein. Einen männlichen, weißen, wütenden Teenager, der glaubt, die Welt schulde ihm etwas. Vor allem die Freundin seines Peinigers, denn er selbst ist ein netter Typ und weiß, was für sie am besten wäre, wenn nur sie es auch sehen könnte! Und er nimmt sich genau das, was ihm seiner Meinung nach zusteht, tanzt (bildlich und wörtlich) bewaffnet bei einer Party an und zwingt das Mädel, das ihn vorher mehrmals abserviert hat, mit ihm zu tanzen, zu knutschen, ihren „Fehler“ einzusehen. Sein Peiniger hat nun Respekt vor dem Protagonisten, und letzterer ein neues Selbstbewusstsein. Happy End.

Ich grüble seither, ob der Kurzfilm als Kritik an gegenwärtiger „wütender-junger-Weißer-will-was-ihm-zusteht-und-holt-es-sich-mit-Gewalt“-Thematik gemeint war. Oder vielleicht doch als reine Power-Fantasie, mit der sich selbst ernannte „nice Guys“ – „nette“ Kerle, die Frauen hassen, weil jene doch nur mit Arschlöchern zusammen sein wollen – gut identifizieren können. Und das war einer der Aspekte, der Fucking Lejemordere i telefonbogen für mich in die Horrorsparte schiebt, das Unwohlsein, die Realitätsnähe, der Fakt, dass andere junge weiße Männer sich mit dieser Wut identifizieren können und ihnen der Protagonist sympathisch erscheinen kann (einige befürwortende Lacher im Publikum).

Auch visuell spricht einiges für Horror, die harschen Schnitte, die Ambiguität, das mulmige Gefühl, dass der Typ auf der Leinwand gleich explodiert und ein Massaker veranstaltet. Wenn es so etwas wie ein Prequel im Geiste gibt, ist Fucking Lejemordere i telefonbogen das vielleicht für American Psycho (2000). Dass Jakob genauso gern wie Patrick Bateman das Bein in Situationen schwingt, in denen ihm seine Opfer komplett ausgeliefert sind, kann aber auch reiner Zufall sein.

von Katarina Nahtman

Biografische Autostopp-Ergüsse Teil II

Sonderausgabe! Diesmal als Theaterstück

Personen:

L

R

Opa

Div. Autofahrer/innen (kann mit Statist/innen besetzt werden)

Akt 1 Szene 1

Zwei junge Leute (L und R) stehen mit ihren überdimensionalen Rucksäcken irgendwo nördlich von Helsinki neben einer Straße. Sie strecken ihre Daumen in Richtung Norden und lächeln jede/n vorbeifahrende/n Autofahrer/in übermäßig freundlich an (ein wenig verzweifelt). Sie wollen in die Stadt Lahti. R ist zuversichtlicher als L.

L: Mah, es bleibt einfoch neamt steh’n!

R: Ja, wart ma noch a bisserl, es kommt sicher nu wer.

L: Jo, mia kinnan eh nix anderes tun als warten. Von da komm‘ ma eh ned weg, wenn uns koana mitnimmt.

Die Autofahrer/innen, schauen die beiden beim Vorbeifahren verständnislos und genervt an.

L setzt sich grantig auf den Boden. R streckt weiterhin den Daumen raus.

R: Schau amoi, der Opa da.

Ein alter Mann bleibt mit seiner Karre bei den beiden stehen. L und R springen freudig auf und hasten zu ihm. Er spricht eine Mischung aus Finnisch und Deutsch. Sehr konfus. L und R werfen sich Blicke zu, die zeigen: ‚Nein, wir fahren nicht mit dem Opa mit.‘

L: Nein, nein danke … Kuusi … No, we wait … Nein danke … Nein wir wollen nicht mit …

Nach einigem reden fährt der alte Mann weiter. Nach weiterem langen Warten:

R: Hätt ma doch mit dem mitfoan solln??

L: Jo … I woas ned … Hm. Is eh wurscht. Mah, i wünsch ma dass uns jetzt wer mitnimmt …

R: Hee, da is der Opa wieder.

Der alte Mann kommt wieder mit seiner alten Karre angetuckert und bedeutet L und R, er könne sie ein Stück in Richtung Lahti (wo die beiden hinwollen) mitnehmen. Nach einigem Zögern steigen sie ein. R als Beifahrer, L hinten. Die Rucksäcke passen fast nicht ins Auto.

Akt 1 Szene 2

Im fahrenden Auto. Während der Fahrt redet der alte Mann auf Finnisch-Deutsch-Englisch, dass er L und R zur alten Autobahn bringe, weil es da besser ginge, Autozustoppen, weil die Leute da nicht so schnell fahren.

L: (mit fragendem Blick zu R) Ähh … Wir wollen auf der Autobahn nach Lahti. Lahti, yes? Autobahn?? No, not old Autobahn, NEW Autobahn bitte …

Sie kommen auf die alte Autobahn. Außer dem Auto des Opas ist weit und breit kein Fahrzeug zu sehen. Sie zeigen ihm in seinem Auto-Atlas von 1995, wo sie hinwollen. Er redet Unverständliches. Er sagt ihnen irgendwie mit seinem drei-Sprachen-Mix, dass er ihnen den Deutschen Soldatenfriedhof hier neben der Straße zeigen will. Sie schauen den Friedhof vom Auto aus an. Er redet Unverständliches.

Opa: Ich habe Zeit, Zeit … You young, I help … Ich gerne … mkdjmpfiowerjhfgj kefnkwejüeuighfnvwjnfuuii (← im Falle einer Theaterinszinierung möglichst echte finnische Wörter).

Sie fahren weiter.

L: Fahren sie in Richtung Lahti?

Opa: Lahti, halbe Strecke Lahti, Lahti ………. (Zeigt auf eine mit Stacheldraht umzäunte Strafanstalt) Hier war mein … Sohn … Also, Arbeit …

L und R sehen sich erstaunt über den Spiegel an.

R: Aha.

Opa: Mein Sohn Elektriker … Arbeitete … Hier installierte …

L: Ach so.

Sie fahren weiter. 

Akt 1 Szene 3

Im Auto. Bei einem Parkplatz bleibt der Opa stehen und sagt (umständlich und in drei Sprachen), hier sei ein See. Er fragt (umständlich und in drei Sprachen), ob L und R mit ihm in die Finnische Sauna gehen wollen, es sei eine sehr gute Sauna.

R: Ähh … Nein danke …

L: Neinneinnein no, wir wollen nach Lahti, nicht in die Sauna. L A H T I.

Opa: Nicht Sauna?… jkrfgnhibpvjkmfjgerwmküüääiiiuuu no? … Okay …

L und R steigen aus.

L: Mah Oida … Jetzt sind ma irgendwo.

R: Ja … Glaubst, find ma heit nu wen der uns mitnimmt?

L: Keine Ahnung … bis jetzt hat’s ja net so guat funktioniert …

R: Ja, irgndwie is in Finnland echt nu schwieriger als in Schweden …

Der Opa steigt auch aus und breitet ein großes weißes Papier auf der Motorhaube aus, auf dem ausgedruckte Bilder aufgeklebt sind. Er zeigt es L und R.

Opa: Meine Verwandten … Großmutter … Familie …

Stimmungsumschwung von L und R. Sie sind plötzlich nicht mehr genervt vom Opa. Sie sehen sich die Bilder an. Der Opa erzählt ihnen einige Dinge über seine Verwandten. Er erzählt, er habe das Plakat mit seinem Bruder gemacht. Nach einer Weile verabschieden sie sich.

R: Okay. Irgendwie nett, oba irgendwie scheiße. Wos mach ma jetzt?

Sie versuchen weiter zu stoppen. Schlussendlich nimmt sie niemand mehr mit und sie müssen mit dem Bus wieder zurück nach Helsinki fahren, um von dort aus weiter Richtung Lahti zu kommen.

L: Oida, irgndwie ham ma jetzt an ganzn Tag verschissn.

R: Naja, wir haben an echten finnischn Opa kennenglernt.

L: Hm.

Vorhang. Ende.

von Lena Steinhuber

Von Walen und YOUKI-Kindern

Einige Walarten legen in ihrem Leben tausende Kilometer zurück. Sie treten regelmäßige Reisen zwischen ihren Fortpflanzungsgründen in tropischen und den Nahrungsgebieten in polaren Gebieten an. Ob sie wissen, dass sie wiederkommen werden, wenn sie den einen Ort verlassen, um zum anderen zu schwimmen? Ihre Jungen begleiten sie auf den Reisen, um zu lernen, wo sie hinmüssen. Ob sie wohl dieselbe Reise antreten würden, wenn ihre Wal-Eltern ihnen nicht den „richtigen“ Weg gezeigt hätten?

Und während ich so über Wale nachdenke – ich wäre gern ein Wal, denk ich mir –, fällt mir auf, dass meine eigene Familie treu den Gebräuchen der Wale folgt. Als die YOUKI 1999 zum ersten Mal als eigenständiges Filmfestival stattfand, war ich beinahe ein Jahr alt – ein aufgeweckter, durch die Gegend watschelnder, immer grinsender, kleiner, windeltragender Lockenschopf. „Und außerdem warst du süß und schnuckig und blablabla“ #ZitatMama (hat sie wirklich so gesagt). Da meine Mama eindeutig nicht zur Hausfrau geboren ist, was man beispielweise daran merkt, dass ich meine Spaghetti regelmäßig ohne Basilikum essen muss, war ihr in der Zeit, die sie nach meiner Geburt bis zur ersten YOUKI daheim verbracht hat, ziemlich fad. Was dann dazu geführt hat, dass sie in besagtem Jahr angefangen hat, mit Hans Schoiswohl die YOUKI zu leiten, womit unsere Reise begann, die heute, 2017, bei Weitem nicht abgeschlossen, sondern im vollen Gange ist.

Einen Großteil meiner Kindheitserinnerungen spielen sich im MKH und im alten Schl8hof ab, dabei hat sich mein – sich erst entwickelndes – Gehirn leider nicht die Mühe gemacht, diese Erinnerungen ordentlich zu kategorisieren und ihnen eine Menge Hashtags zu verpassen, damit ich nachher noch weiß, wann, wo, was, mit wem, warum und wie stattgefunden hat. Und am wichtigsten: war Haralds roter Schal dabei? Stundenlang habe ich mir in Mamas YOUKI-Büro „Winnie Puuh“-Filme angeschaut, für die mir Harald jedes Mal extra einen Fernseher und einen Videorekorder aufgebaut hat. Ich habe gemalt, bevorzugterweise mit Hans’ Lieblingsfüllfeder und seinen teuren Künstlerstiften, und mit Fragen, Kommentaren und Wissensausbrüchen meine Anwesenheit kundgetan, hab’ das Containerbüro im Schl8hof besucht und mich dabei unglaublich wichtig gefühlt. In meinen ersten 10 Jahren sind sogar einige Kurz- und Trickfilme entstanden, deren Qualität allerdings eher fraglich ist und die wahrscheinlich nie einen YOUKI Preis erhalten werden.

Mein jüngerer Bruder war nicht nur geplant im Sinne von „Wir haben vorher besprochen, dass wir noch ein Kind bekommen wollen“, nein, seine Geburt war so geplant, dass sie in den Zeitpunkt der YOUKI gepasst hat – meine Eltern haben ausgerechnet, wann das Kind spätestens da sein muss, damit Mama die YOUKI auf keinen Fall verpasst. Im Juli 2003 ist er dann zur Welt gekommen, zwar ohne Locken, aber trotzdem ziemlich süß. Da Menschen oft nicht aus ihren Erlebnissen lernen wollen, ist es erwähnenswert, dass meine Mama aus ihrer Langweile 1998/99 gelernt hat und nach der Geburt meines Bruders beschlossen hat, praktisch nicht daheim zu bleiben und schon im August wieder für die YOUKI gearbeitet hat.

„Ich will ein Wal sein“, hat sich vielleicht meine Mama gedacht, als sie nach ihrer 10. YOUKI den Beruf gewechselt und die YOUKI an junge Nachfolger übergeben hat. Am Anfang des heurigen Sommers hat sie mir erzählt, dass sie sich immer gewünscht hat, dass ich und mein Bruder später auch mal im MKH beziehungsweise eben bei der YOUKI arbeiten. Ihr war allerdings klar, dass ich, würde sie mir das vorschlagen, genau das nicht machen würde, und so musste sie warten, bis ich mit 18 Jahren selbst auf die Idee kam: „He, ich könnt doch vielleicht auch im MKH arbeiten und im Herbst bei der YOUKI mitmischen“.

Text und Zeichnung von Lenni Brunnbauer

Biografische Autostopp-Ergüsse Teil I

Die große Ära des Autostoppens ist vorbei.

Sagt mein Vater.

Bei mir hat es aber trotzdem immer funktioniert.

Also, meistens auf jeden Fall.

Das seltsame am Autostoppen ist, dass es in Erzählungen, auf Bildern und in Filmen eigentlich immer abenteuerlich und leiwand wirkt. Obwohl es oft einfach nur daraus besteht, an irgendeiner scheiß Straße mit einem zerfallenden Pappschild zu stehen und zu warten. Und das gegebenenfalls Ewigkeiten. Autostoppen ist behaftet von alter Romantik. Von Freiheit und Abenteuer, ‚Wildnis‘ und dem ‚Ungewissen‘. Aufregend.

In der Realität habe ich es manchmal als beflügelnd und schön empfunden, manchmal aber auch einfach als nervenaufreibend und anstrengend.

Hier also einige Auszüge meiner bisherigen glanzvollen Autostopperinnen-Karriere:

Biografische Autostopp-Ergüsse von Lena

1

Wir befinden uns fünfzig Kilometer östlich der schwedischen Stadt Jönköping auf einer Autoraststätte. Seit zwei Stunden stehen wir da, unser Schild mit der Aufschrift ‚Stockholm‘ hochhaltend. Neben uns die überfüllten Tramperrucksäcke. Wir haben im Raststations-Shop bereits grüne Zimtschnecken als Jause gekauft, weil sie am billigsten waren. Es fahren viele Autos von der Raststätte auf die Autobahn auf, aber niemand nimmt uns mit. Manche winken uns kurz zu oder schenken uns seltsame Blicke, oder sie geben uns irgendwelche Zeichen, die bedeuten sollen, dass sie uns gerne mitnähmen, aber leider das Auto voll haben oder in eine andere Richtung fahren. Es wird Abend und kühl. Ich kundschafte die Umgebung bereits nach einem Schlafplatz aus. Warum nimmt uns niemand mit!? Es wird dunkel.

Ich gehe aufs Klo und als ich wieder rauskomme, macht Rupert den Vorschlag, es doch noch auf der anderen Seite der Raststation zu versuchen. Dort gibt es auch eine Autobahnauffahrt. Aber ‚nachdem es die ist, von der wir hergebracht worden sind, nehmen wir nicht an, dass es dort sinnvoll wäre, zu stoppen. Nach zwei Sekunden hält ein großer Bonzenwagen an. Der Fahrer sagt, er fahre nach Stockholm, wir könnten einsteigen und mitfahren. Wir freuen uns.

Wir sind, ohne es zu wissen, drei Stunden an der falschen Auffahrt gestanden.

Der Fahrer ist der ‚Boss‘ in seiner Firma und freut sich, jungen Menschen zu helfen. Er erwähnt immer wieder und wieder, dass er der ‚Boss‘ in seiner Firma sei. Das Innere des Wagens ist extrem ausgestattet, wir sitzen wie auf dem bequemsten Sofa der Welt, tratschen mit dem Fahrer (hab ich schon erwähnt, dass er der ‚Boss‘ in seiner Firma ist?) und zwingen unsere Augen, in der wärme des Wagens nicht zuzufallen.

Nach einiger Zeit halten wir an einer Raststelle an und er kauft uns Kaffee und Zimtschnecken, aber normalfarbene. Weil er der ‚Boss‘ in seiner Firma ist. Ich freue mich. Rupert mag keinen Kaffee, muss aber trotzdem einen nehmen, weil der Fahrer eben der ‚Boss‘ in seiner Firma ist und ein ‚Nein‘ zu Kaffee nicht akzeptiert.

Kurz nach Mitternacht erreichen wir Stockholm. Der ‚Boss‘ verabschiedet sich beschwingt von uns. Wir freuen uns den Haxen aus, dass wir es doch in einem Tag bis nach Stockholm geschafft haben.

von Lena Steinhuber

ICH PACKE MEINEN KOFFER …

Die YOUKI-Redaktion hat die Festivalbesucher befragt: Was darf im Reisegepäck auf keinen Fall fehlen?

„Ich habe immer etwas zum Schreiben dabei: Immer, wenn mir etwas auffällt, schreibe ich das auf, oder wenn ich nicht weiterweiß, schreibe ich einfach.“

„Ich habe immer das Handy dabei, weil man alles machen kann. Ich kann meine Mails checken, kann nachschauen, wenn ich was wissen will, oder Musik hören.“

„Shampoo! Aber eigentlich hab’ ich als erstes an Kondome gedacht!“

„Ein Kugelschreiber, ein Buch, eine musizierbare Platine, eine Stirnlampe, ein passendes Gutscheinheft.“

„Ein Zahnbürstl.“

„Es hat eine Zeit gegeben, da war ich im Ausland und da habe ich meinen Pass immer mitgenommen. Nicht nur wegen der Ausweispflicht, einfach nur, damit man weiß.“

„Auf jeden Fall ein gutes Buch: am besten von Charles Bukowski oder Ernest Hemingway.“

„Ich hab’ jetzt immer einen kleinen Reisewasserkocher mit. Das ist super, damit kann man überall Tee machen.“

„Ein Notizbuch, ein Stanley-Messer, eine Trinkflasche und eine Kamera.“

„Eine Banane.“

„Ganz langweilig: Geldtasche, Schlüssel, Handy, Ladekabel, Kalender.“

„Bolzenschneider, Bitumen, Petroleum, Backstreet Boys – Greatest Hits Vol. 2, eine Lupe, Glycerin.“

„Freunde!“

„Eine Fotokamera, um alles aufzunehmen und Erinnerungen festzuhalten.“

„Ein Taschenmesser und – zum Autostoppen unverzichtbar – ein Edding und ein großer Pappkarton. Und Honigwaffeln.“

„Leatherman, eine Kopftaschenlampe, ein warmer Schlafsack und eine 2×4-Meter Plane, Paketband, vielleicht noch ein Buch.“

„Eine Tafel Schokolade.“

Erinnerungswürdige Reisen

Eine Sammlung der schönsten und schlimmsten Urlaubserlebnisse unserer YOUKI-Gäste und -MitarbeiterInnen

„Mein schlimmstes Erlebnis war die Matura-Reise nach Gran Canaria. Da waren Kakerlaken im Zimmer und ich hatte einen so starken Sonnenbrand, dass ich fast gespieben hab’ – und das nicht vom Alkohol. Meine schönste Erinnerung ist ein Urlaub als Kind mit meinen Eltern.“ (Theresa)

„Die Pizza in Italien war das Beste!“ (Andreas und Daniel sind sich absolut einig)

„Ich hab’ ein schlimmes Urlaubserlebnis, aber das ist zugleich mein romantischstes, weil ich mich am liebsten daran erinnere, obwohl ich es eigentlich gar nicht so wirklich miterlebt hab’, weil ich damals erst drei Jahre alt war: Wir sind mal von der Polizei über einen Berg gejagt worden, als ich mit meiner Familie und Freunden unerlaubterweise wildcampen war in Griechenland. Wir wurden dann von der Polizei über einen ganzen Berg gejagt. Und ich musste aufs Klo – alle sind schon geflüchtet, nur meine Mama und ich haben uns hinter Büschen direkt neben den Polizisten versteckt und dort gewartet, bis sie weg waren. Aber wir sind alle entkommen. Infolge dessen ist es richtig schlimm weitergegangen: Wir sind dann in eine Pension und dort gab es Fledermäuse. Die Besitzer der Pension haben die Fledermäuse getötet und die Löcher, in die sie immer reingeflogen sind, mit Taschentüchern zugestopft. Das ist meine schlimmste Erinnerung“ (Laura)

„Das tollste Erlebnis war die Fahrt mit der Fähre nach Schweden und unser Besuch im Legoland in Dänemark.“ (Simon)

„Das prägendste Erlebnis war mein Bergsteigen in Nepal. Nach zehn Tagen gehen ohne Strom und Internet, nur umgeben von Fels und Natur, passiert schon sehr viel mit einem: Nicht nur die äußere Landschaft verändert sich, sondern auch die innere, die Konzentration auf einen selbst: Das Loslassen vom Alltag und das Ankommen im Wandern. Das schlimmste Erlebnis hatte ich mit einer Freundin, mit der ich durch Rumänien gereist bin: Sie wurde am helllichten Tag sexuell belästigt. Ich war zu dem Zeitpunkt aber gerade einkaufen und nicht für sie da. Das war ein sehr unschönes Erlebnis – für sie noch schlimmer, aber auch für mich im Nachhinein –, das den Urlaub sehr überschattet hat.“ (Andi)

„Ich bin mit meinem Freund nach Hamburg gefahren, weil ich mir ein Grimes-Konzert anschauen wollte. Wir sind mit dem Flixbus gefahren, das war eine extrem lange und anstrengende Reise. Wir waren im Februar unterwegs, in Hamburg war es extrem kalt, wir hatten aber kein übertrieben warmes Zeug dabei, was bedeutet, dass wir immer gefroren haben. Unser Hotel war auf der Reeperbahn, ein ehemaliges Bordell. Es war relativ billig und ich fand, das war ein netter Gag. Im Prinzip waren dort aber nur eklige Männer einquartiert, die mit dem Tourbus auf die Reeperbahn gekommen sind. Die Reeperbahn an sich war schon interessant zum Anschauen, alles so bunt. Auch das Konzert, das in einer schönen Location stattgefunden hat, die an einen kleinen barocken Theaterraum erinnert hat. Am nächsten Tag hatten wir kein Zimmer mehr, unser Bus ging aber erst um 2 Uhr nachts. Keine Ahnung, warum ich das so geplant hab’. Wir sind die ganze Zeit herumgewandert und hatten schlussendlich kein Geld mehr. Mein Papa hat mir dann Geld geschickt, von dem wir spontan ins Kino gegangen sind, um uns Death Pool anzuschauen. Das Kino war eigentlich das Spannendste der Reise, weil das Kino ein uraltes Theater war, das Originalfassungen gezeigt hat. Aber dann, zwischen 23 und 2 Uhr, kam die schlimmste Zeit: Es war unglaublich kalt, wir wussten nicht, was wir noch machen sollen, weil wir nirgends mehr rein gehen konnten, also sind wir nur noch um den Busbahnhof herumgeschlichen. Es war zur Flüchtlingszeit. Wir haben eine Flüchtlingsfamilie gesehen mit einem kleinen Mädchen, das sich vollgepinkelt hatte. Die Mutter hat versucht, die Hose zu wechseln, und es war so kalt. Das war so schlimm. Der Bus kam dann natürlich zu spät. Wir haben uns überlegt, ob wir irgendwo in einer warmen Hotellobby warten können, aber als wir Richtung Eingang gingen, kam schon der Portier auf uns zu, um uns den Weg abzuschneiden, weil er gesehen hat, dass wir kein Geld haben. In der Früh sind wir in Wien angekommen und ich musste am gleichen Tag noch arbeiten. Und wir haben den Zug in Wien nach Wels verpasst, hatten dann kein Geld mehr für ein neues Ticket. Mein Freund konnte dann fast nicht mitfahren, also hab’ ich einen Nervenzusammenbruch gekriegt, weil ich ihn nicht allein zurücklassen wollte. Sein Vater hat ihm dann Geld geschickt und wir sind heimgefahren. Eine aufreibende Reise – alles für ein Konzert.“ (Hanna)

„Der schlimmste Urlaub war, als wir bei unserer Oma waren und uns alle zerstritten haben. Das schönste Erlebnis war meine Solo-Kurzreise nach Prag. Das war voll schön, weil ich immer dachte, dass ich nicht allein sein kann, ohne mir dann selbst auf die Nerven zu gehen. Aber ich hab’s mit mir allein gut ausgehalten – auch wenn’s nur ein paar Stunden waren, aber das war großartig.“ (Nina)

„Meine furchtbarste Reise war die Matura-Reise nach Kroatien – „Segeln echt oarg“ hat das geheißen, das ist so was wie Summer-Splash, nur auf dem Segelboot. Das ist eigentlich voll die schöne Landschaft dort,  aber es hat so Partyboote gegeben und wenn  man zum Boot schwimmen wollte, musste man in der Bucht durch die Kotze der Besoffenen schwimmen. Deshalb hab‘ ich auf der Reise dann auch das Alkoholtrinken boykottiert irgendwann, weil ich es so eklig gefunden hab’ – und das heißt was!“ (Sarah)

„Ich war mal mit meiner Freundin länger in Asien unterwegs und wir wollten nach Burma, also Myanmar. In jedem Reiseführer, jeder Infobroschüre und Reisewarnung stand, dass das Geld, das man mitbringt, in einwandfreien, druckfrisch gebügelten 100-Dollar-Noten sein muss, weil man sonst einfach nichts bekommt. Erst haben wir in Bangkok den falschen von zwei Flughäfen erwischt, was zeitlich schon knapp war. Am richtigen Flughafen haben wir an mehreren Bankomaten erfolglos versucht, Geld abzuheben, und standen dann vor der Wahl: entweder in den Flieger hüpfen und schauen, wie wir dann zu Geld kommen, oder einfach umbuchen. Wir haben uns fürs Flugzeug entschieden. Als wir ankamen, hatten wir folglich kein Geld, aber  wir hatten insofern Glück, weil einen Tag vor unserer Ankunft der erste Geldautomat in Burma aufgesperrt hat. Zu dem sind wir dann hingefahren und haben Geld abgehoben … und dann hab’ ich dort meine Kreditkarte steckenlassen.

Eine andere Geschichte mit schöner Situationskomik gibt es ebenfalls von dieser Asienreise: In Kambodscha haben wir eine billige Absteige gefunden. Uns hat eh schon nichts mehr abgeschreckt, wie waren einiges gewohnt und mittlerweile schon geeicht auf Kakerlaken, aber dort im Klo war wirklich ein großes Ding, ein Mutant. Also haben wir den Hostelbetreiber gefragt, ob er die entfernen kann. Der hat sich das angeschaut, kommt mit einer großen Dose Insektenvernichtungsspray zurück und macht die Tür zu. Dann hört man ihn sprühen: Pfff … Pffffff … Pfffffffffffff! Kurze Pause. Pfffffffffffffff … Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff! Noch eine Pause. Dann: Bam, bam, bam, bam, bam!! Er hat die Kakerlake mit der leeren Sprühdose erschlagen.“ (Boris)

von Michelle Koch

YOUKI-Reisetagebuch

KILL THE ROAD

Donnerstag, 23. November 2017

Beim Mittagessen habe ich die „Graphikkinder“ Benjamin und Jeremias kennengelernt. Die beiden sind mir in bunten, vollgepatzten Overalls auf der Stiege entgegengekommen. Wieder einmal bin ich überrascht, wie unfassbar nett die Menschen hier sind. Gleich wurde mir erklärt, dass Benjamin der „good Cop“ und Jeremias der „bad Cop“ ist. Sie haben mir von ihrem Graffiti-Workshop und ihren Zielen erzählt. Viele Kinder seien von der Freiheit, die sie ihnen geben, überfordert. Neben den vier Stunden Freude, die sie den Kindern bereiten wollen, ist es Jeremias geheimer Traum, die Kinder vom analogen Arbeiten mit Bildern zu begeistern. Er berichtet von herzerwärmenden Treffen mit Jugendlichen, die als Kind mal einen Workshop bei ihm besucht haben, und ihm dann Jahre später mit Spraydosen an der Donauzeile entgegenkommen. Natürlich darf er dann vor Begeisterung nicht in Tränen ausbrechen – „Oh mein Gott, WIE schön ist das, das ist sooooo super!“ –, sondern muss sich cool geben. „Jo, was geht. Malt ihr da drüben?“ Maaaximal ist ein Fist-Check drin. Erst wenn die Jugendlichen dann ein paar Schritte weitergegangen sind, kann er heimlich weinen, versteckt dabei aber die Tränen unter der Kapuze. Er muss ja seine Coolness wahren.

Wow. Wow wow wow! Hab’ heute sogar ein Mitglied der Jury getroffen, Clara Gallistl. Da ist man so fasziniert von super erfolgreichen Menschen und dann kommt man drauf, dass die ja auch ganz normale Menschen sind. Und daaann kommt man drauf, wie unfassbar nett sie sind und findet sie gleich noch viel toller. „Wast wie guad des is, wann alle zmittag linsen essen und dann in einen Kinosaal gehen?“ Ich kann mir nicht mal vorstellen, wie anstrengend es sein muss, diese 84 Kurzfilme in nur 3 Tagen zu schauen. Und natürlich danach noch richtig Spaß haben bei den Nightlines – das kommt beinahe einem Marathon gleich. Filmemacher*innen und Cineast*innen sind sogar noch härter im nehmen als Sportler*innen.

Meine Zitate des Tages:

„My children need new shoes for their feet.“

„Von der Freiheit überfordert.“

von Lenni Brunnbauer

Weltkarte

EN ROUTE waren auch die diesjährigen Wettbewerbsfilme der YOUKI – die Strecken, die die Filme teilweise hinter sich gebracht haben, um diese Woche in Wels gezeigt zu werden, sind  beachtlich – wie Katarina Nahtmans Grafik zeigt!

Wenn einer eine Reise tut …

… so kann er/sie nicht nur was erzählen (Matthias Claudius), sondern er/sie hat für diese Reise meist auch seine ganz eigenen Gründe. So auch die drei YOUKI-treuen Jungfilmemacherinnen Lisa Weber, Iris Blauensteiner und Kurdwin Ayub, die im Programm ROAD TO ROOTS am Mittwochabend ihre Dokumentarfilme präsentierten.

In Sitzfleisch (AUT 2014) unternimmt Lisa Weber mit ihrem erwachsenen Bruder und ihren Großeltern einen Roadtrip zum Nordkap – dabei geht es ihr weniger darum, den nördlichsten Punkt Europas zu erreichen, für Lisa ist vor allem der Weg das Ziel. Ohne ausgetüfteltes Konzept, aber mit Würstchen von Zuhause, musikalischer Begleitung von den Lieblings-Schlagern der Großeltern und im Dauerdunst von Opas Tschick, richtet die Filmemacherin und Enkelin die Kamera nicht auf die vorüberziehenden Landschaften oder die fremden Städte, die passiert werden, im Fokus steht die Fahrgemeinschaft, die zwischenmenschlichen, nicht immer einfachen Beziehungen: zwischen dem beinahe seit 50 Jahren verheirateten Ehepaar und zwischen den Generationen. Für die Filmemacherin ein erhellender Blick auf die eigenen Wurzeln, für das Publikum ein entwaffnend offener Einblick in die privaten Konstellationen, Konflikte und Dynamiken der Familie Weber, der eine Mixtur aus Gefühlen freisetzt, die einem aus dem eigenen Familienleben vertraut sind: verschrobener Witz, peinliches berührt sein, Traurigkeit und tiefe, liebevolle Verbundenheit.

Iris Blauensteiner widmet sich in Rast (AUT 2016) den Orten, die fern des Zuhauses liegen: einer Raststätte und einem Campingplatz an der Donauufer Autobahn. In strengen Tableaus porträtiert Blauensteiner die Urlauber und Arbeiter, deren Reisen an diesen Transitorten freiwillig oder unfreiwillig unterbrochen werden, sobald die Fahrzeuge stillstehen: Wohnmobile, die ihr Urlaubsziel erreicht haben, und LKWs, die wegen festgesetzter Lenkzeiten und Fahrverboten an Sonn- und Feiertagen rasten müssen, werden zum beengten Ersatzzuhause auf Zeit. Blauensteiner bekommt von den Bewohnern intime Einsichten in die mobilen Behausungen, in Rituale und persönliche Geschichten: ein Leben on the road bringt nicht nur Freiheit und fortwährende Bewegung, sondern auch Einsamkeit und Stasis mit sich.

Back to the roots heißt es auch in Paradies! Paradies! (AUT/IRQ 2016): 1990 als Kurdin im Irak geboren, floh Kurdwin Ayub 1991 mit ihrer Familie aus dem Irak nach Wien. Beinahe ein viertel Jahrhundert später reist sie gemeinsam mit ihrem Vater Omar, der sich in der alten Heimat eine Wohnung für seinen Lebensabend kaufen will, nach Kurdistan. Während Omar diesen Ort zunächst patriotisch als Paradies auf Erden glorifiziert und mit guten Erinnerungen an eine vergangene Zeit auflädt, bleibt Kurdwin – nicht zuletzt auch dank der Kamera, die der Filmemacherin als eine Art Schutzschild dient – distanziert und verhandelt die ihr unzugängliche und teilweise Unbehagen auslösende Umwelt mit bewusst naiven und ironischen Brechungen, die die Kluft zwischen Ideal und Realität der irakischen Lebenswelt aufdecken. Nicht erst an der Kampfzone von Peshmerga mit dem IS, sondern auch inmitten ihrer kurdischen Familie, ihren Großeltern, Tanten und Onkeln, scheint Kurdwin sich unbeheimatet zu fühlen. In einer fremden Kultur mit fremden Gepflogenheiten und einer Sprache, die sie nicht beherrscht, stellt sie sich die Frage, die auch Omar sich immer mehr eingestehen muss: Was ist Heimat? Und wo genau ist sie? Paradies! Paradies! ist ein intimes, stellenweise skurriles und ernüchterndes Generationen-Porträt, das kulturelle Ver- und Entwurzelung sowohl als individuelles Familienschicksal und zugleich als Massenphänomen des 20. und 21. Jahrhunderts spürbar werden lässt.

von Michelle Koch

Impressionen des anschließenden Filmgesprächs

Ein langer Tag voller Wettbewerbsbeiträge und anschließend ein noch längerer Abend mit dem ROAD TO ROOTS-Filmblock. Bei so einem Sitz-a-thon gibt’s fast keine Luft zum Durchschnaufen.

SITZFEISCH (Lisa Weber, AT 2014), RAST (Iris Blauensteiner, AT 2014) und PARADIES! PARADIES! (Kurdwin Ayub, AT/IRQ, 2016) machen als Dreierpack aber Sinn, noch mehr in genau dieser Reihenfolge, und am meisten tatsächlich erst im Anschluss an die illuminierenden Gespräche mit den Künstlerinnen.

Das Trio beginnt mit einer irrwitzig-persönlichen Reise in die Ferne, bietet noch kurz eine thematische Atempause, und kommt dann endlich groß mit einem Besuch in die Heimat ans Ziel. Viel gibt es zum Lachen und das Publikum selbst ist lustig heute. Dann halten alle die Luft an, bis jemand auf der Leinwand hoffentlich wieder die Spannung löst.

Manch einem sind bei der Fragenrunde von SITZFLEISCH und PARADIES! PARADIES! die Lacher von vorhin vielleicht wieder hochgekommen und binden ihnen nun einen unangenehmen Knoten im Rachen. Kontext ist alles. Ich hätte an beide Künstlerinnen mindestens eine Frage, nun kommen sie mir aber zu persönlich vor? Sie bekommen Fragen von anderen Leuten im Publikum gestellt und beantworten dabei auch nichtsahnend meine eigenen. Gestik, Mimik, Sätze die plötzlich abbrechen, Dinge, die gefragt, aber umgangen werden, und Worte, die nicht gesagt werden, beantworten alle meine unangenehm intimen Fragen, die ich nicht mehr formulieren muss. Die Regiesseurinnen rücken ihre Projekte in den Kontext der Reise hierhin und von hier weg in die nahe Zukunft.

RAST zeichnet sich von den anderen beiden im Sinne seiner Interpersonalen Wahrnehmung ab. Wir sind „nur“ zur Beobachtung, vielleicht Befragung, und die Einblicke, die wir in das Leben der rastenden LKW-Fahrer, Camper und jeglicher anderer machen, sind vergleichsweise kurz. Trotzdem war auch hier der persönliche Bezug da; als Immigrantin, dessen Elternteil früher selbst BerufsfahrerIn war, wird hier nun eine Wissenslücke geschlossen, der ich mir bis dato nicht wirklich bewusst gewesen bin. Wer wird vom gewohnten, langen Alltag am Rastplatz erzählen, wenn es die außergewöhnlichen, kurzen Eindrücke sind, die sich viel besser zu einer spannenden Story ausschmücken lassen?

Das allgegenwärtige, gespannte Verhältnis zwischen den un/freiwilligen Migrations- und Alters-Generationen im Kontrast zu all den Menschen, die zurückgelassen und wieder besucht werden, ist ein zuordenbarer Schmerz, eine familiäre Krise, und auf jeden Fall eine der Formen des Unterwegsseins.

von Katarina Nahtman

Foto: Jasmin Peter

YOUKI-Reisetagebuch

Auftrieb

Mittwoch, 22. November

Mit Kaffee beginnt der Tag gleich viel besser. YOUKI-Geher sind anscheinend keine Frühaufsteher 😉

Den Vormittag verbringe ich bei Eva und Miriam im Gästebüro. Die beiden freuen sich, mir zu erzählen, was es neben den Filmen noch so gibt: Vermittlungsprogramme für Schulklassen, Labs und Workshops – morgen beginnt ein Drehbuch-Workshop und ein Arduino-Workshop ist schon im vollen Gange.

12.00 Uhr:

Endlich habe ich es wieder bis zum Kinosaal 1 geschafft. Hier beginnt gerade der 3. Block der Wettbewerbs-Filme: RUN THE WORLD – laut Erzählung ein Filmprogramm mit feministischem Kontext.

Goschn (AUT 2016) hinterlässt ein beklemmendes Gefühl. Im Hotel bittet ein Mann die Putzkraft, ihm die Tür zu seinem Zimmer aufzuschließen. Doch im Inneren sieht sie eine Frau, sie schlägt die Tür wieder zu. Das sei seine Ehefrau, warum diese ihm nicht die Tür öffne, sei kompliziert, erklärt der Mann. Daraufhin beginnt er zu schreien, seine Frau solle ihn ins Zimmer lassen. Die dazugehörige Rezeptionistin beschließt, sich nicht weiter einzumischen, obwohl das blaue Auge der Frau im Zimmer klar macht, dass sie geschlagen wird.

Ich verstehe: die Situation ist schwierig. Die Frau im Hotelzimmer hat ausdrücklich gesagt, sie wolle keine Hilfe, ist ja auch verständlich, ihr Mann wäre sicher alles andere als begeistert gewesen. Aber warum gibt es Menschen, die so ignorant sind und lieber so tun, als wäre nichts passiert? Die lieber die Augen verschließen, als für andere einzustehen?

Ein junges Mädchen, etwa 15 Jahre alt, umgeben von Männern. Ihr Reich ist im Wasser, doch die Trainer holen sie immer wieder an Land, denn dort ist ihr Machtgebiet. Das Mädchen allerdings lässt sich die Lästereien hinter ihrem Rücken nicht gefallen, sie wehrt sich. Während dem Training ihrer älteren Kollegin drängt sie sich auf deren Schwimmbahn und überholt sie sogar. Beim Gespräch mit den Filmemachern erklären diese uns den Titel: „No matter what hits her, she will go up again.“ Opdrift (DNK 2017)– im Deutschen: „Auftrieb“.

Noch etwas, das es nur in den unendlichen Weiten der YOUKI gibt: junge aus Dänemark angereiste Filmemacher. Später erfahre ich, dass sogar Leute von den Philippinen da sind. Auch Israel, Spanien, Schweden und der Libanon sind unter anderem vertreten.

Nach den Wettbewerbs-Filmen gibt es drei Langfilme, dafür tun mir zwar eigentlich die Augen schon zu sehr weh, aber wozu ist man denn auf einem Filmfestival? Eindeutig nicht um freiwillig wieder aus dem dunklen Kinosaal rauszukommen, sondern eindeutig um stundenlang auf Leinwände zu starren! Die Vater-Tochter Beziehung im letzten Film Paradies! Paradies! (AUT 2016) hab’ ich so berührend gefunden, dass ich sogar geweint habe.

Später hat mich die Musik ins Extrazimmer gelockt, eindeutig eine gute Idee, den Instinkten zu folgen: Squalloscope hat ein wunderbares Wohnzimmerkonzert geliefert, eine beeindruckend-einzigartige Stimme. Aber noch beeindruckender finde ich, dass sie alle Songs selbst geschrieben und aufgenommen hat – sogar die Artwork für ihre Platten hat sie selbst gemacht.

von Lenni Brunnbauer

Hinter den Kulissen unterwegs … 

Das Festival ist voll im Gange und ein interessantes Programm nach dem anderen läuft über die Leinwand. Reges Treiben herrscht vor allem hinter den Kulissen.

Denn während ich hier im Redaktionsraum sitze und schreibe, gehen Leute ein und aus, diskutieren, besprechen und produzieren. Das diesjährige Youki-Team ist bunt zusammengewürfelt aus Personen, die für unterschiedliche Bereiche zuständig sind, ob unter anderem Fotografie, Grafik, Schreiben, Organisation, Jury oder Technik, man ist mit Enthusiasmus und Ideenreichtum am schaffen.

Der Fokus „En Route | Unterwegs“ spiegelt sich auch behind the scenes gut wider, denn alle sind ständig auf den Beinen. Sei es die Stiege hinunter, wieder hinauf ins Gästebüro oder in den Redaktionsraum, zu Jurysitzungen, etc … oder sei es, sich einfach auf eine Art gedankliche Reise zu begeben, um all seine Kreativität in sein aktuelles Projekt zu stecken.

von Flora Kleiser

Foto: Jasmin Peter

Geh’ weiter

Also komm. Komm, geh’ noch ein Stück. Immer weiter, nur weiter. Setz den linken Fuß vor den rechten. Den Rechten vor den Linken. Den Linken nach vorne. Trage Schuhe. Einmal noch. Noch ein bisschen. Geh’ weiter. Du schaffst das. Nicht langsamer werden. Komm, geh’ weiter.

Laufe ein Stück. Pass’ auf die Hürden auf. Spring’ drüber. Laufe drum herum. Kriech’ drunter durch. Werde schneller. Heb’ beide Füße gleichzeitig vom Boden. Fliege. Mach größere Schritte. Laufe ein wenig langsamer, so schnell hältst du nicht lange durch. Komm, lauf weiter.

Gehen ist doch nicht so schwer. Komm weiter. Einen Schritt noch. Und noch einen. Bewege dich. Bewege deine Beine. Schau, wo du hintrittst. Geh’ gleichmäßig. Geh’ weiter. Schleiche. Hinke. Reise. Wandere. Trample. Stolziere. Tanze. Fliege. Komm, geh’ weiter.

Hör nicht auf zu gehen. Wenn du stehenbleibst, ist es aus.

von Lenni Brunnbauer 

Mit Squalloscope im „Extrazimmer“

Die Leute besprachen die Abendvorstellung und bestellten sich nacheinander Getränke. Man konnte von einer gewissen Unruhe im „Extrazimmer“ sprechen. Doch dann trat eine junge, schöne Frau ins Licht der einzigen Lampe im Raum. Alle Blicke waren nach vorne gerichtet und es wurde still. Keiner wollte etwas sagen oder sich auch nur bewegen. Sie holte tief Luft und begann ihre eigenen, persönlichen Geschichten zu singen. Die Zuhörer, die sich am Anfang noch nicht so sicher waren, ob sie den Abend im Medien Kultur Haus verbringen, wurden bereits beim allerersten Ton überzeugt.

Es ist von keiner anderen die Rede als von der Klagenfurterin Anna Kohlweis, die sich unter den Pseudonym Squalloscope am gestrigen Abend im Medien Kultur Haus die Seele aus dem Leib gesungen hat.

Für mich war dieses Konzert ein weiterer Punkt, der mir klargemacht hat, dass die YOUKI 2017 unvergesslich wird.

von Anna-Sophie Camilla Polzer

Foto: Jasmin Peter

YOUKI-Reisetagebuch

Ziiiiiiiiiieh dir Sprache rein

Dienstag, 21.11.2017

 

Das MKH hat man schon von Weitem gesehen, in den Fenstern bewegten sich beeindruckend bunte Projektionen. Die Eingangstür öffnet sich nur langsam, aber endlich bin ich drin, in dieser eigenen Welt. Sofort habe ich bemerkt, dass hier schon einiges im Gange ist: Kreatives Schaffen, die Energie des Hauses und die Vorfreude konnte ich fast mit den Händen greifen. Ich habe meine Suche begonnen, dabei hat es mich in den ersten Stock verschlagen. Dort fand ich zu meinem Erstaunen: ein Haus. Ein Haus in einem Haus, wow. Sowas gibt’s nur hier.

Ich wusste nicht recht wohin mit mir, alles war ein bisschen groß, ein bisschen bunt. Im ersten Stock hab’ ich noch die Redaktion und die Küche gefunden auf meiner Suche nach dem richtigen Ziel. Und dann hingen da Skateboards von der Decke. Die haben mich so gefesselt, dass ich fast die Stiege runtergefallen bin.

Ich hab’ mich dann unten weiterverirrt, bin dabei im „Extrazimmer“ gelandet. Plötzlich habe ich von weiter weg laute Stimmen gehört. Es wurde etwas verkündet! Man sprach von der Geschichte der YOUKI, von großen Problemen, schönen Momenten, Fragen wurden gestellt. Ich konnte mein Glück beinahe nicht fassen, als auf den breiten Stufen Laura-Lee Röckendorfer und Boris Schuld auftauchten. Solch berühmte Leute trifft man nur hier.

Danach hab’ ich endlich mein Ziel gefunden, hat eh lang genug gedauert, die Reise war erschöpfend. Müde habe ich mich im Kinosaal 1 auf einen Platz fallenlassen. Eröffnet wurden die Filme mit dem Trailer der Youki, da hatte ich kurzzeitig fast ein wenig Angst … Ein Mädchen taucht auf. Ausdruckslos starrt sie in die Kamera. Schwarz. Ein anderes Mädchen taucht auf. Auch sie blickt direkt in die Kamera. Langsam wird klar, irgendetwas wird passieren. Die Musik verbreitet Panik, die Katastrophe steht kurz bevor. Das erste Mädchen hebt die Hand und … beginnt zu lachen. Erleichterung machte sich in mir breit. Selfietest #1.

Auf eine Reise, bei der sich der Horizont dreht, wurden wir beim ersten Film mitgenommen –  Hypnodrom. Immer schneller dreht er sich, bis wir am Ende wieder langsamer werden und ankommen. Der Film: beeindruckend, aber nichts für Leute mit schwachem Magen.

Bier & Calippo: Ich hätte die Angst meines Lebens, wenn ich in diesen Bus steigen müsste. Die meiste Zeit hab ich mir gedacht: „Ooooh meine Göttin, kann der nicht bitte auf die Straße schauen?“ Er betrügt sie. Beide noch jung, vielleicht sechzehn? Als sie ihm erzählt, dass sie schwanger ist, brach mir das Herz. Es wirkte so nahe, das könnte jedem passieren. „Bier und Calippo!“ Der Song ist hängengeblieben, ich hab sogar jetzt noch einen Ohrwurm. Bier und Calippo, Bier und Calippo. Alles steuert auf die Katastrophe zu: Sie trennen sich. Die Reaktion vom Vater auf ihre Schwangerschaft ist menschlich, er bemüht sich sehr um seine Tochter. Das Lachen des Kindes bringt mir die Freude zurück. Später habe ich erfahren, dass es Laura-Lees Sohn ist. Ich bin sicher, der Kleine hat eine steile Schauspiel-Karriere vor sich.

Meine Zitate des Tages:

„Nachsätze trauen Vorsätzen zu wenig zu.“
„Warum wollen die alle weg?“
„Schwangerschaftstests kriegt man für 20€ auf Ebay.“
„Früher war ich auch einmal jung.“

von Lenni Brunnbauer

#KULTURLANDRETTEN

Beitrag der YOUKI Festivalleitung Laura-Lee Röckendorfer und Boris Schuld im Zuge der Eröffnung des Festivals am 21.11 2017 #kulturlandretten

Der Hauptgrund warum ich immer noch hier lebe, warum ich nie ganz weggezogen bin, ist die hiesige, vielfältige Kulturszene in Oberösterreich. Dieser Szene fühle ich mich seit 25 Jahren als Konsument und als Kulturarbeiter zugehörig. Diese Kulturlandschaft hat mir immer das Gefühl gegeben, dass die große Welt auch irgendwie in dem kleinen Oberösterreich Platz hat. Das die Provinz nicht zwingend provinziell sein muss. Die regionalen Kulturinitiativen sind der Grund, warum ich mich hier verbunden fühle und warum Oberösterreich für mich ein lebenswertes Land ist.
(Boris Schuld)

Ich hatte das Glück in der Kulturszene Wels, und größer gedacht Oberösterreichs aufzuwachsen. Es waren jene Institutionen die mein zweites Wohnzimmer wurden, sie prägten mein Weltbild und meine Lebensrealität. Es war immer möglich sich selbst einzubringen, mitzugestalten und sich eine eigene Meinung zu bilden. Bis heute zieht es mich hier her zurück: als Kulturarbeiterin, Konsumentin und Künstlerin. Aus einem guten Grund: die breit gefächerte Kulturlandschaft OÖs ist etwas Besonders, wie man sie kaum wo findet.
(Laura-Lee Röckendorfer)

Seit längerer Zeit müssen die Kulturinitiativen mit stagnierenden Förderungen zurecht kommen. Das Beibehalten eines qualitativ hochwertigen und breiten Angebots ist nur durch einen sehr hohen persönlichen Arbeitseinsatz bis hin zur Selbstausbeutung, Ehrenamtlichkeit, durch gute Vernetzung und ein helfendes Miteinander möglich. Praktisch niemanden geht es um einen finanziellen Verdienst, den es ohnehin kaum gibt, praktisch allen geht es um eine Haltung: Kunst und Kultur ist ein lebensnotwendiger Bestandteil unserer Gesellschaft

Und jetzt soll noch mehr eingespart werden und wir fragen uns wie das noch gehen soll? Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo es einfach nicht mehr weitergeht. Wenn immer mehr Initiativen verschwinden oder ans Aufgeben denken. Wenn die Kulturarbeit ausgehungert wird, bleibt nur noch wenig übrig. Jahrzehnte lange Arbeit zerbröselt. Zurück bleibt ein großes Loch.
Gerade in Zeiten wo Engstirnigkeit und Kasterl-denken immer moderner wird, muss die Politik mehr in die Kultur investieren, muss in Offenheit und Vielfalt investiert werden.

Ein Land OÖ ohne freie Kulturszene ist ein ödes Land.
Wir unterstützen die Initiative Kulturlandretten

#youkiwels #kulturlandretten
https://kulturlandretten.at
Foto: Hanna Schwaiger

Die 19. YOUKI ist eröffnet

Zum 19. Mal strömen auch in diesem Jahr wieder FilmemacherInnen und FilmenthustiastInnen aus allen Ländern nach Wels zur YOUKI, um sich in kreativem Rahmen bei spannenden Filmprogrammen, Workshops und Gesprächen auszutauschen und gegenseitig zu inspirieren.

Getreu dem diesjährigen Festivalfokus EN ROUTE |  UNTERWEGS schwärmt auch die Youki-Redaktion wieder Tag für Tag aus, um das Programm, die Festivalgäste und das Treiben hinter den Kulissen genauer unter die Lupe zu nehmen und Eindrücke zu sammeln, die in Texten, Radiobeiträgen, Fotos und Videoclips festgehalten, kommentiert und reflektiert werden.

Gut Ding will ja manchmal Weile haben, zumindest ein bisschen, deshalb: Habt ein wenig Geduld, bis unsere Redaktion von ihrer täglichen räumlichen und/oder mentalen Reise in den Redaktionsraum zurückkehrt, um alle Gedanken auf unserem Blog zu fixieren.

Wer nicht selbst auf der YOUKI sein kann, aber Langeweile vermeiden und selbst ein bisschen aktiv sein will, der/die rette doch in der Zwischenzeit bitte mit seiner/ihrer Unterschrift einfach das Kulturland ÖO, damit (nicht nur) die YOUKI auch in Zukunft so kulturell anspruchsvoll, vielgestaltig und bunt wie bisher stattfinden kann!!! https://kulturlandretten.at

Foto: Jasmin Peter