Wenn einer eine Reise tut …

… so kann er/sie nicht nur was erzählen (Matthias Claudius), sondern er/sie hat für diese Reise meist auch seine ganz eigenen Gründe. So auch die drei YOUKI-treuen Jungfilmemacherinnen Lisa Weber, Iris Blauensteiner und Kurdwin Ayub, die im Programm ROAD TO ROOTS am Mittwochabend ihre Dokumentarfilme präsentierten.

In Sitzfleisch (AUT 2014) unternimmt Lisa Weber mit ihrem erwachsenen Bruder und ihren Großeltern einen Roadtrip zum Nordkap – dabei geht es ihr weniger darum, den nördlichsten Punkt Europas zu erreichen, für Lisa ist vor allem der Weg das Ziel. Ohne ausgetüfteltes Konzept, aber mit Würstchen von Zuhause, musikalischer Begleitung von den Lieblings-Schlagern der Großeltern und im Dauerdunst von Opas Tschick, richtet die Filmemacherin und Enkelin die Kamera nicht auf die vorüberziehenden Landschaften oder die fremden Städte, die passiert werden, im Fokus steht die Fahrgemeinschaft, die zwischenmenschlichen, nicht immer einfachen Beziehungen: zwischen dem beinahe seit 50 Jahren verheirateten Ehepaar und zwischen den Generationen. Für die Filmemacherin ein erhellender Blick auf die eigenen Wurzeln, für das Publikum ein entwaffnend offener Einblick in die privaten Konstellationen, Konflikte und Dynamiken der Familie Weber, der eine Mixtur aus Gefühlen freisetzt, die einem aus dem eigenen Familienleben vertraut sind: verschrobener Witz, peinliches berührt sein, Traurigkeit und tiefe, liebevolle Verbundenheit.

Iris Blauensteiner widmet sich in Rast (AUT 2016) den Orten, die fern des Zuhauses liegen: einer Raststätte und einem Campingplatz an der Donauufer Autobahn. In strengen Tableaus porträtiert Blauensteiner die Urlauber und Arbeiter, deren Reisen an diesen Transitorten freiwillig oder unfreiwillig unterbrochen werden, sobald die Fahrzeuge stillstehen: Wohnmobile, die ihr Urlaubsziel erreicht haben, und LKWs, die wegen festgesetzter Lenkzeiten und Fahrverboten an Sonn- und Feiertagen rasten müssen, werden zum beengten Ersatzzuhause auf Zeit. Blauensteiner bekommt von den Bewohnern intime Einsichten in die mobilen Behausungen, in Rituale und persönliche Geschichten: ein Leben on the road bringt nicht nur Freiheit und fortwährende Bewegung, sondern auch Einsamkeit und Stasis mit sich.

Back to the roots heißt es auch in Paradies! Paradies! (AUT/IRQ 2016): 1990 als Kurdin im Irak geboren, floh Kurdwin Ayub 1991 mit ihrer Familie aus dem Irak nach Wien. Beinahe ein viertel Jahrhundert später reist sie gemeinsam mit ihrem Vater Omar, der sich in der alten Heimat eine Wohnung für seinen Lebensabend kaufen will, nach Kurdistan. Während Omar diesen Ort zunächst patriotisch als Paradies auf Erden glorifiziert und mit guten Erinnerungen an eine vergangene Zeit auflädt, bleibt Kurdwin – nicht zuletzt auch dank der Kamera, die der Filmemacherin als eine Art Schutzschild dient – distanziert und verhandelt die ihr unzugängliche und teilweise Unbehagen auslösende Umwelt mit bewusst naiven und ironischen Brechungen, die die Kluft zwischen Ideal und Realität der irakischen Lebenswelt aufdecken. Nicht erst an der Kampfzone von Peshmerga mit dem IS, sondern auch inmitten ihrer kurdischen Familie, ihren Großeltern, Tanten und Onkeln, scheint Kurdwin sich unbeheimatet zu fühlen. In einer fremden Kultur mit fremden Gepflogenheiten und einer Sprache, die sie nicht beherrscht, stellt sie sich die Frage, die auch Omar sich immer mehr eingestehen muss: Was ist Heimat? Und wo genau ist sie? Paradies! Paradies! ist ein intimes, stellenweise skurriles und ernüchterndes Generationen-Porträt, das kulturelle Ver- und Entwurzelung sowohl als individuelles Familienschicksal und zugleich als Massenphänomen des 20. und 21. Jahrhunderts spürbar werden lässt.

von Michelle Koch

Impressionen des anschließenden Filmgesprächs

Ein langer Tag voller Wettbewerbsbeiträge und anschließend ein noch längerer Abend mit dem ROAD TO ROOTS-Filmblock. Bei so einem Sitz-a-thon gibt’s fast keine Luft zum Durchschnaufen.

SITZFEISCH (Lisa Weber, AT 2014), RAST (Iris Blauensteiner, AT 2014) und PARADIES! PARADIES! (Kurdwin Ayub, AT/IRQ, 2016) machen als Dreierpack aber Sinn, noch mehr in genau dieser Reihenfolge, und am meisten tatsächlich erst im Anschluss an die illuminierenden Gespräche mit den Künstlerinnen.

Das Trio beginnt mit einer irrwitzig-persönlichen Reise in die Ferne, bietet noch kurz eine thematische Atempause, und kommt dann endlich groß mit einem Besuch in die Heimat ans Ziel. Viel gibt es zum Lachen und das Publikum selbst ist lustig heute. Dann halten alle die Luft an, bis jemand auf der Leinwand hoffentlich wieder die Spannung löst.

Manch einem sind bei der Fragenrunde von SITZFLEISCH und PARADIES! PARADIES! die Lacher von vorhin vielleicht wieder hochgekommen und binden ihnen nun einen unangenehmen Knoten im Rachen. Kontext ist alles. Ich hätte an beide Künstlerinnen mindestens eine Frage, nun kommen sie mir aber zu persönlich vor? Sie bekommen Fragen von anderen Leuten im Publikum gestellt und beantworten dabei auch nichtsahnend meine eigenen. Gestik, Mimik, Sätze die plötzlich abbrechen, Dinge, die gefragt, aber umgangen werden, und Worte, die nicht gesagt werden, beantworten alle meine unangenehm intimen Fragen, die ich nicht mehr formulieren muss. Die Regiesseurinnen rücken ihre Projekte in den Kontext der Reise hierhin und von hier weg in die nahe Zukunft.

RAST zeichnet sich von den anderen beiden im Sinne seiner Interpersonalen Wahrnehmung ab. Wir sind „nur“ zur Beobachtung, vielleicht Befragung, und die Einblicke, die wir in das Leben der rastenden LKW-Fahrer, Camper und jeglicher anderer machen, sind vergleichsweise kurz. Trotzdem war auch hier der persönliche Bezug da; als Immigrantin, dessen Elternteil früher selbst BerufsfahrerIn war, wird hier nun eine Wissenslücke geschlossen, der ich mir bis dato nicht wirklich bewusst gewesen bin. Wer wird vom gewohnten, langen Alltag am Rastplatz erzählen, wenn es die außergewöhnlichen, kurzen Eindrücke sind, die sich viel besser zu einer spannenden Story ausschmücken lassen?

Das allgegenwärtige, gespannte Verhältnis zwischen den un/freiwilligen Migrations- und Alters-Generationen im Kontrast zu all den Menschen, die zurückgelassen und wieder besucht werden, ist ein zuordenbarer Schmerz, eine familiäre Krise, und auf jeden Fall eine der Formen des Unterwegsseins.

von Katarina Nahtman

Foto: Jasmin Peter