YOUKI-Reisetagebuch

Auftrieb

Mittwoch, 22. November

Mit Kaffee beginnt der Tag gleich viel besser. YOUKI-Geher sind anscheinend keine Frühaufsteher 😉

Den Vormittag verbringe ich bei Eva und Miriam im Gästebüro. Die beiden freuen sich, mir zu erzählen, was es neben den Filmen noch so gibt: Vermittlungsprogramme für Schulklassen, Labs und Workshops – morgen beginnt ein Drehbuch-Workshop und ein Arduino-Workshop ist schon im vollen Gange.

12.00 Uhr:

Endlich habe ich es wieder bis zum Kinosaal 1 geschafft. Hier beginnt gerade der 3. Block der Wettbewerbs-Filme: RUN THE WORLD – laut Erzählung ein Filmprogramm mit feministischem Kontext.

Goschn (AUT 2016) hinterlässt ein beklemmendes Gefühl. Im Hotel bittet ein Mann die Putzkraft, ihm die Tür zu seinem Zimmer aufzuschließen. Doch im Inneren sieht sie eine Frau, sie schlägt die Tür wieder zu. Das sei seine Ehefrau, warum diese ihm nicht die Tür öffne, sei kompliziert, erklärt der Mann. Daraufhin beginnt er zu schreien, seine Frau solle ihn ins Zimmer lassen. Die dazugehörige Rezeptionistin beschließt, sich nicht weiter einzumischen, obwohl das blaue Auge der Frau im Zimmer klar macht, dass sie geschlagen wird.

Ich verstehe: die Situation ist schwierig. Die Frau im Hotelzimmer hat ausdrücklich gesagt, sie wolle keine Hilfe, ist ja auch verständlich, ihr Mann wäre sicher alles andere als begeistert gewesen. Aber warum gibt es Menschen, die so ignorant sind und lieber so tun, als wäre nichts passiert? Die lieber die Augen verschließen, als für andere einzustehen?

Ein junges Mädchen, etwa 15 Jahre alt, umgeben von Männern. Ihr Reich ist im Wasser, doch die Trainer holen sie immer wieder an Land, denn dort ist ihr Machtgebiet. Das Mädchen allerdings lässt sich die Lästereien hinter ihrem Rücken nicht gefallen, sie wehrt sich. Während dem Training ihrer älteren Kollegin drängt sie sich auf deren Schwimmbahn und überholt sie sogar. Beim Gespräch mit den Filmemachern erklären diese uns den Titel: „No matter what hits her, she will go up again.“ Opdrift (DNK 2017)– im Deutschen: „Auftrieb“.

Noch etwas, das es nur in den unendlichen Weiten der YOUKI gibt: junge aus Dänemark angereiste Filmemacher. Später erfahre ich, dass sogar Leute von den Philippinen da sind. Auch Israel, Spanien, Schweden und der Libanon sind unter anderem vertreten.

Nach den Wettbewerbs-Filmen gibt es drei Langfilme, dafür tun mir zwar eigentlich die Augen schon zu sehr weh, aber wozu ist man denn auf einem Filmfestival? Eindeutig nicht um freiwillig wieder aus dem dunklen Kinosaal rauszukommen, sondern eindeutig um stundenlang auf Leinwände zu starren! Die Vater-Tochter Beziehung im letzten Film Paradies! Paradies! (AUT 2016) hab’ ich so berührend gefunden, dass ich sogar geweint habe.

Später hat mich die Musik ins Extrazimmer gelockt, eindeutig eine gute Idee, den Instinkten zu folgen: Squalloscope hat ein wunderbares Wohnzimmerkonzert geliefert, eine beeindruckend-einzigartige Stimme. Aber noch beeindruckender finde ich, dass sie alle Songs selbst geschrieben und aufgenommen hat – sogar die Artwork für ihre Platten hat sie selbst gemacht.

von Lenni Brunnbauer