YOUKI-Reisetagebuch

Fort fährt man, um heimzukommen

Freitag, 25. November 2017 

Den Großteil meines Tages habe ich im Kino verbracht, nachdem ich versucht habe, die Leute dazu zu überreden, Wisperl zu kosten. Ein Obst, das zwar nicht so lecker ausschaut, aber gar nicht schlecht schmeckt.

Mein absoluter Lieblingsblock – WHERE THE WILD THINGS ARE. Ein eindeutiger Touch von Fantasy und Nicht-Realem.

Beim ersten Film Martien (CHE 2016) kann ich beinahe nicht aufhören zu lachen, obwohl der Einstieg eher ernst ist: In einer Tankstelle in Frankreich lässt einen das wunderbare Spiel aus Stille, übersteigerter Lautstärke, leiser Musik und Plätschern von Wasser eintauchen in die Welt von Martien, von dem nach einem Blick auf seine Hörgeräte klar ist: er ist taub. Gerade ist er gefeuert worden, sein Kollege will ihm helfen, doch wir bekommen gar keine Zeit, uns um Martien zu sorgen, auch wenn sich seit Anfang des Films das tiefe Bedürfnis in mir regt, aufzuspringen und ihm zu helfen, denn auf einmal überfallen zwei maskierte Personen die Tankstelle, während Martien die Batterien seiner Hörgeräte wechselt und davon nichts mitbekommt. Spätestens als Martien einen der Maskierten bittet, seine Haube hochzuziehen und deutlich zu artikulieren, wird klar, das geht schief. Als dann auch noch ein Mann, dem beide Beine fehlen, dazu kommt und die Szene von Polizeigeheul untermalt wird, ist das Chaos perfekt.

Genauso lustig geht es in Back den Kuchen (DEU 2016) weiter, als der Sohn den Auftrag von der Mutter erhält, für den amerikanischen Onkel einen Kuchen zu backen. Zwar ist von Anfang an das Scheitern dieses Unterfangens klar, doch erst am Ende des Films werden die wahren Ausmaße bekannt. Im Kuchen landen zwar auch theoretisch richtige Zutaten wie Mehl, Milch und Eier, allerdings die Eier mit Schale, statt Zucker kommt Salz dazu, die Geschirrspülertabs hält er für Backpulver und dann noch ein bisschen Rum. Gaaaaanz vorsichtig noch etwas drauf leeren. Nein, das war sicher zu wenig, besser die halbe Flasche. Am Ende landen der Junge und seine Familie betrunken und rülpsend am/unterm Küchentisch.

Nach Kleine Welten (AUT 2016) ist mir jedoch nicht zum Lachen. Der Vater sieht durch das Astloch in einem Stück Holz zwei Jugendliche spielen, die allerdings gar nicht da sind. Der Sohn versucht, ihn davon zu überzeugen, dass er endlich mit dem Holz Ruhe geben soll, obwohl er das junge Mädchen – ich nehme an die Schwester – selber auch sieht, bis er schließlich in der Nacht das Stück in den Ofen wirft. Nun bleibt dem Vater keine Möglichkeit, die Jugendlichen zu sehen, wütend wirft er das Stück zu Boden, doch plötzlich landet ein Ball vor seinen Füßen. Der Film lässt mich mit der Frage zurück, was real ist und was nur in unserem Kopf passiert.

Am Abend komme ich nach einem Mittagsschlaf gut ausgeruht wieder zurück, gerade rechtzeitig für das Programm ANGRY YOUNG WOMEN ON THE ROAD, in dem Agnès Vardas SANS TOIT NI LOI (FRAU 1985) als analoge 35mm-Kopie gezeigt wird. Der Film beginnt mit dem Tot von Mona, der Protagonistin. Im Folgenden werden die letzten Wochen ihres Lebens erzählt, wobei merkbar nicht die Suche nach dem Grund für ihren Tot im Vordergrund steht, sondern die Frage, welche Spuren ein Mensch, den niemand vermisst, nach seinem Tot hinterlässt. Die Stimmung des Films ist einzigartig, das liegt sicherlich auch daran, dass klar erkennbar ist, dass dieser Film nicht digital ist. Alle 20 Minuten wird die Leinwand für einige Sekunden schwarz, weil die Filmrollen miteinander verbunden wurden und diese `Klebestellen` auch durchlaufen müssen. Film-feeling der besonderen Art.

von Lenni Brunnbauer