Horror auf den zweiten Blick

Ein Horrorkurzfilm schafft es dieses Jahr, den Zeitgeist erschreckend gut zu treffen. In den NIGHTMARES-Block, der thematisch Schauergeschichten verschiedenster Art am Mittwoch präsentiert hat, schafft er es aber nicht. Stattdessen ist er Teil des krönenden, 5-teiligen Abschlusses der Wettbewerbsblöcke der YOUKI 2017: DROP IT LIKE IT’S HOT.

TASTE OF LOVE (Paul Scheufler, AUT 2017), La Última Virgin (Bàrbara Farré, ESP 2017), Gone Went Gone Fuck Shit Fuck (Lisa Zielke, AUT 2017), Fucking Lejemordere i telefonbogen (August Aabo, DNK 2017), und Gib der Katze Milch (Max Gleschinski, DEU 2017) bilden das Schlussquintett, welches unter dem Banner „Coming of Age“ Sex, Sexualität und Selbsterforschung thematisiert.

Während TASTE OF LOVE (der wohl ästhetisch ansprechendste und allegorisch spannendste Beitrag dieses Blocks) und Gone Went Gone Fuck Shit Fuck als zwei der raren Einreichungen mit LGBT+ Interesse leger die Regenbogenflagge wehen lassen, konzentriert sich La Última Virgin auf das Konzept der Jungfräulichkeit und die Komplexität des sexuellen Konsenses.

Bleiben noch zwei Kandidaten übrig, und einer von ihnen ist der Horrorfilm. Der andere sieht nur aus wie einer. Gib der Katze Milch lässt mit seinem eleganten Umgang mit Schatten das Herz in Schwarz-Weiß höherschlagen, weil er visuell einfach an Horrorklassiker erinnert, an einen Noir, oder modernen Kulthorror wie Nadja (1994) und A Girl Walks Home Alone At Night (2014). Das Blut in den Adern gefrieren zu lassen schafft er aber nicht, will er vielleicht auch gar nicht. Bei der letzten Szene haben sich viele im Publikum aber hörbar geekelt, am lautesten die Herren.

Da war es nur noch Fucking Lejemordere i telefonbogen (eng.: Fucking killas on speed dial). Ich kann mir denken, wieso dieser Short in genau diesem Block gelandet ist. Objektiv macht das Sinn, es geht um Sex und das Teenagerdasein. Einen männlichen, weißen, wütenden Teenager, der glaubt, die Welt schulde ihm etwas. Vor allem die Freundin seines Peinigers, denn er selbst ist ein netter Typ und weiß, was für sie am besten wäre, wenn nur sie es auch sehen könnte! Und er nimmt sich genau das, was ihm seiner Meinung nach zusteht, tanzt (bildlich und wörtlich) bewaffnet bei einer Party an und zwingt das Mädel, das ihn vorher mehrmals abserviert hat, mit ihm zu tanzen, zu knutschen, ihren „Fehler“ einzusehen. Sein Peiniger hat nun Respekt vor dem Protagonisten, und letzterer ein neues Selbstbewusstsein. Happy End.

Ich grüble seither, ob der Kurzfilm als Kritik an gegenwärtiger „wütender-junger-Weißer-will-was-ihm-zusteht-und-holt-es-sich-mit-Gewalt“-Thematik gemeint war. Oder vielleicht doch als reine Power-Fantasie, mit der sich selbst ernannte „nice Guys“ – „nette“ Kerle, die Frauen hassen, weil jene doch nur mit Arschlöchern zusammen sein wollen – gut identifizieren können. Und das war einer der Aspekte, der Fucking Lejemordere i telefonbogen für mich in die Horrorsparte schiebt, das Unwohlsein, die Realitätsnähe, der Fakt, dass andere junge weiße Männer sich mit dieser Wut identifizieren können und ihnen der Protagonist sympathisch erscheinen kann (einige befürwortende Lacher im Publikum).

Auch visuell spricht einiges für Horror, die harschen Schnitte, die Ambiguität, das mulmige Gefühl, dass der Typ auf der Leinwand gleich explodiert und ein Massaker veranstaltet. Wenn es so etwas wie ein Prequel im Geiste gibt, ist Fucking Lejemordere i telefonbogen das vielleicht für American Psycho (2000). Dass Jakob genauso gern wie Patrick Bateman das Bein in Situationen schwingt, in denen ihm seine Opfer komplett ausgeliefert sind, kann aber auch reiner Zufall sein.

von Katarina Nahtman