Von Walen und YOUKI-Kindern

Einige Walarten legen in ihrem Leben tausende Kilometer zurück. Sie treten regelmäßige Reisen zwischen ihren Fortpflanzungsgründen in tropischen und den Nahrungsgebieten in polaren Gebieten an. Ob sie wissen, dass sie wiederkommen werden, wenn sie den einen Ort verlassen, um zum anderen zu schwimmen? Ihre Jungen begleiten sie auf den Reisen, um zu lernen, wo sie hinmüssen. Ob sie wohl dieselbe Reise antreten würden, wenn ihre Wal-Eltern ihnen nicht den „richtigen“ Weg gezeigt hätten?

Und während ich so über Wale nachdenke – ich wäre gern ein Wal, denk ich mir –, fällt mir auf, dass meine eigene Familie treu den Gebräuchen der Wale folgt. Als die YOUKI 1999 zum ersten Mal als eigenständiges Filmfestival stattfand, war ich beinahe ein Jahr alt – ein aufgeweckter, durch die Gegend watschelnder, immer grinsender, kleiner, windeltragender Lockenschopf. „Und außerdem warst du süß und schnuckig und blablabla“ #ZitatMama (hat sie wirklich so gesagt). Da meine Mama eindeutig nicht zur Hausfrau geboren ist, was man beispielweise daran merkt, dass ich meine Spaghetti regelmäßig ohne Basilikum essen muss, war ihr in der Zeit, die sie nach meiner Geburt bis zur ersten YOUKI daheim verbracht hat, ziemlich fad. Was dann dazu geführt hat, dass sie in besagtem Jahr angefangen hat, mit Hans Schoiswohl die YOUKI zu leiten, womit unsere Reise begann, die heute, 2017, bei Weitem nicht abgeschlossen, sondern im vollen Gange ist.

Einen Großteil meiner Kindheitserinnerungen spielen sich im MKH und im alten Schl8hof ab, dabei hat sich mein – sich erst entwickelndes – Gehirn leider nicht die Mühe gemacht, diese Erinnerungen ordentlich zu kategorisieren und ihnen eine Menge Hashtags zu verpassen, damit ich nachher noch weiß, wann, wo, was, mit wem, warum und wie stattgefunden hat. Und am wichtigsten: war Haralds roter Schal dabei? Stundenlang habe ich mir in Mamas YOUKI-Büro „Winnie Puuh“-Filme angeschaut, für die mir Harald jedes Mal extra einen Fernseher und einen Videorekorder aufgebaut hat. Ich habe gemalt, bevorzugterweise mit Hans’ Lieblingsfüllfeder und seinen teuren Künstlerstiften, und mit Fragen, Kommentaren und Wissensausbrüchen meine Anwesenheit kundgetan, hab’ das Containerbüro im Schl8hof besucht und mich dabei unglaublich wichtig gefühlt. In meinen ersten 10 Jahren sind sogar einige Kurz- und Trickfilme entstanden, deren Qualität allerdings eher fraglich ist und die wahrscheinlich nie einen YOUKI Preis erhalten werden.

Mein jüngerer Bruder war nicht nur geplant im Sinne von „Wir haben vorher besprochen, dass wir noch ein Kind bekommen wollen“, nein, seine Geburt war so geplant, dass sie in den Zeitpunkt der YOUKI gepasst hat – meine Eltern haben ausgerechnet, wann das Kind spätestens da sein muss, damit Mama die YOUKI auf keinen Fall verpasst. Im Juli 2003 ist er dann zur Welt gekommen, zwar ohne Locken, aber trotzdem ziemlich süß. Da Menschen oft nicht aus ihren Erlebnissen lernen wollen, ist es erwähnenswert, dass meine Mama aus ihrer Langweile 1998/99 gelernt hat und nach der Geburt meines Bruders beschlossen hat, praktisch nicht daheim zu bleiben und schon im August wieder für die YOUKI gearbeitet hat.

„Ich will ein Wal sein“, hat sich vielleicht meine Mama gedacht, als sie nach ihrer 10. YOUKI den Beruf gewechselt und die YOUKI an junge Nachfolger übergeben hat. Am Anfang des heurigen Sommers hat sie mir erzählt, dass sie sich immer gewünscht hat, dass ich und mein Bruder später auch mal im MKH beziehungsweise eben bei der YOUKI arbeiten. Ihr war allerdings klar, dass ich, würde sie mir das vorschlagen, genau das nicht machen würde, und so musste sie warten, bis ich mit 18 Jahren selbst auf die Idee kam: „He, ich könnt doch vielleicht auch im MKH arbeiten und im Herbst bei der YOUKI mitmischen“.

Text und Zeichnung von Lenni Brunnbauer