Biografische Autostopp-Ergüsse Teil I

Die große Ära des Autostoppens ist vorbei.

Sagt mein Vater.

Bei mir hat es aber trotzdem immer funktioniert.

Also, meistens auf jeden Fall.

Das seltsame am Autostoppen ist, dass es in Erzählungen, auf Bildern und in Filmen eigentlich immer abenteuerlich und leiwand wirkt. Obwohl es oft einfach nur daraus besteht, an irgendeiner scheiß Straße mit einem zerfallenden Pappschild zu stehen und zu warten. Und das gegebenenfalls Ewigkeiten. Autostoppen ist behaftet von alter Romantik. Von Freiheit und Abenteuer, ‚Wildnis‘ und dem ‚Ungewissen‘. Aufregend.

In der Realität habe ich es manchmal als beflügelnd und schön empfunden, manchmal aber auch einfach als nervenaufreibend und anstrengend.

Hier also einige Auszüge meiner bisherigen glanzvollen Autostopperinnen-Karriere:

Biografische Autostopp-Ergüsse von Lena

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Wir befinden uns fünfzig Kilometer östlich der schwedischen Stadt Jönköping auf einer Autoraststätte. Seit zwei Stunden stehen wir da, unser Schild mit der Aufschrift ‚Stockholm‘ hochhaltend. Neben uns die überfüllten Tramperrucksäcke. Wir haben im Raststations-Shop bereits grüne Zimtschnecken als Jause gekauft, weil sie am billigsten waren. Es fahren viele Autos von der Raststätte auf die Autobahn auf, aber niemand nimmt uns mit. Manche winken uns kurz zu oder schenken uns seltsame Blicke, oder sie geben uns irgendwelche Zeichen, die bedeuten sollen, dass sie uns gerne mitnähmen, aber leider das Auto voll haben oder in eine andere Richtung fahren. Es wird Abend und kühl. Ich kundschafte die Umgebung bereits nach einem Schlafplatz aus. Warum nimmt uns niemand mit!? Es wird dunkel.

Ich gehe aufs Klo und als ich wieder rauskomme, macht Rupert den Vorschlag, es doch noch auf der anderen Seite der Raststation zu versuchen. Dort gibt es auch eine Autobahnauffahrt. Aber ‚nachdem es die ist, von der wir hergebracht worden sind, nehmen wir nicht an, dass es dort sinnvoll wäre, zu stoppen. Nach zwei Sekunden hält ein großer Bonzenwagen an. Der Fahrer sagt, er fahre nach Stockholm, wir könnten einsteigen und mitfahren. Wir freuen uns.

Wir sind, ohne es zu wissen, drei Stunden an der falschen Auffahrt gestanden.

Der Fahrer ist der ‚Boss‘ in seiner Firma und freut sich, jungen Menschen zu helfen. Er erwähnt immer wieder und wieder, dass er der ‚Boss‘ in seiner Firma sei. Das Innere des Wagens ist extrem ausgestattet, wir sitzen wie auf dem bequemsten Sofa der Welt, tratschen mit dem Fahrer (hab ich schon erwähnt, dass er der ‚Boss‘ in seiner Firma ist?) und zwingen unsere Augen, in der wärme des Wagens nicht zuzufallen.

Nach einiger Zeit halten wir an einer Raststelle an und er kauft uns Kaffee und Zimtschnecken, aber normalfarbene. Weil er der ‚Boss‘ in seiner Firma ist. Ich freue mich. Rupert mag keinen Kaffee, muss aber trotzdem einen nehmen, weil der Fahrer eben der ‚Boss‘ in seiner Firma ist und ein ‚Nein‘ zu Kaffee nicht akzeptiert.

Kurz nach Mitternacht erreichen wir Stockholm. Der ‚Boss‘ verabschiedet sich beschwingt von uns. Wir freuen uns den Haxen aus, dass wir es doch in einem Tag bis nach Stockholm geschafft haben.

von Lena Steinhuber